Pat High on the Horse – Made in Taiwan und TCM

Von am 14. Mai 2012 | Abgelegt unter Aktuell, Taiwan

Made in Taiwan – man möge die Häme entschuldigen, doch heute muss sie sein.

Foto von geöffnetem Bettkasten

Was hier zu sehen ist, ist mein Bett, welches sich sich theoretisch mittels Hydraulik aufklappen lässt, um Dinge wie z.B. bei 30° C Raumtemperatur völlig überflüssige Bettdecken darin zu verstauen. Das tat ich gestern. Das Bett öffnete sich, öffnete sich ohne meine Einwirkung immer weiter um dann festzuhaken. Hydraulik kaputt, Bett offen. Da sich auf dieser sehr schiefen Ebene schlecht schlafen lässt bin ich nach erfolglosen Versuchen meinen Vermieter zu erreichen, selbst aktiv geworden. Ich habe mir als begabte Alltagshandwerkerin in der Roller-Werksatt nebenan den nötigen 13er-Schlüssel (Banshou – 扳手) geliehen, habe die Hydraulikfedern, die mit dem stolzen Aufdruck “Made in Taiwan” versehen sind, auf beiden Seiten einfach abgeschraubt. Das ging nur halb im Bettkasten stehend, das Gewicht der Liegefläche musste ich dann sozusagen schultern.

Es kam wie es wohl kommen musste: Als ich aus dem Bettkasten steige, den Kasten vorsichtig schließe und mich wieder aufrichte, ist anstatt des Bettkastens meine untere Wirbelsäule blockiert.

Heute morgen schleppe ich mich ins Taiji, lasse mir von meinen Mitschülern die Adresse einer Traditionell chinesischen Medizinpraxis geben und begebe mich nach dem Unterricht direkt dorthin. Shumei, meine unendlich hilfsbereite und geduldige Taiji-Lehrerin begleitet mich um notdürftig zu übersetzen. Nach einer kurzen Doktorsvisite mit Pulsfühlen und kurzer Schilderung des Unfalls, werde ich auf eine Liege gelegt und akupunktiert. Anschließend – ich liege auf dem Bauch und kann nur spüren, nicht sehen – werde ich wohl leicht elektrisch durchflossen, dabei wird mein Kopf kräftigst wahrscheinlich mit einem Glas massiert. Später wird der untere Rücken wärmebehandelt. Dann muss ich die Liege wechseln und werde in ungefähr 10 Minuten von oben bis unten durchmassiert, eingerenkt und gestreckt, dass es erstens eine schmerzhafte Wonne ist und zweitens lauthals knackst. Während der Prozedur unterhalten sich Shumei und der Masseur über die Vorzüge von Taiji und Qi Gong und – das verstehe sogar ich – darüber, dass ich mehr entspannen müsse. Da reise ich um die halbe Welt um mir das sagen zu lassen, womit schon meine erste Karatelehrerin Ende der 80er Jahre meine Körperhaltung analysierte.

Am Ende bekomme ich noch ein Kräuter-Pflaster auf die gar nicht mehr so blockierte Stelle – das Pflaster nach vier Stunden wechseln und morgen noch einmal wiederkommen. Ich komme nach Hause, lege mich schnurstracks auf mein waagerechtes Bett und schlafe eine Stunde wie ein Stein im Koma. Jetzt fühle ich mich wie ein aus dem Koma erwachter Stein bei 33° im Schatten. Eigentlich gar nicht so schlecht. Bettschwere Made in Taiwan ist auf jeden Fall 1000 Mal besser als Betten Made in Taiwan.

Straddle the Tiger, Climb the Mountain – gute Menschen, schlechte Autos

Von am 4. Mai 2012 | Abgelegt unter Taiwan

Seit ein paar Tagen bin ich in Bergen rund um Taroko und Hehuanshan  (=harmonische Freude Berg) unterwegs und die Gegebenheiten des öffentlichen Nahverkehrs – den ich insgesamt hervorragend organisiert finde – bringen es mit sich, dass ich hin und wieder trampen muss.

Bus im Nationalpark Taroko/Taiwan

Schon im Vorfeld war ich überzeugt, dass es damit eigentlich keine Probleme geben dürfte, eine Frau in den besten Jahren mit Rucksack, Wanderstöcken und dazuhin noch eine Langnase, da kann man nur anhalten.

Beim ersten Versuch hält auch gleich das vierte Auto, eine uralte Toyota-Limousine und eines jener Modelle, die nie auf dem europäischen Markt erschienen sind. Der Fahrer ist offensichtlich ein ganz einfacher Mann mittleren Alters mit Händen, die von Jahrzehnten körperlicher Arbeit zeugen. Auf dem Rücksitz steht ein Käfig, in dem ein Taubenpaar turtelt. Apropos Hände – gepflegte Hände und noch mehr lange und gepflegte Fingernägel sind in Taiwan ein klares Zeichen von hohem sozialen Status. Wer körperlich arbeitet, ob er mauert, schraubt oder gräbt und pflanzt, kann keine langen Fingernägel haben. So haben hier auch Männer sehr lange, auffällig gepflegte Hände und Nägel – sicheres Zeichen für einen wohlsituierten Job. Vom letzten Meister des von mir praktizierten Taiji-Stils gibt es beispielsweise Fotos, auf denen seine extrem langen Fingernägel, wie sie in Deutschland auch bei Frauen nur noch selten und dann oft in künstlicher Form anzutreffen sind, ins Auge stechen.

Mein Toyota-Fahrer hat mich auf den Rücksitz verfrachtet, ich sitze neben den Tauben und angesichts der Situation verzichte ich auf meinen Trick zur Sympathiegewinnung, den ich hier ganz schnell gelernt habe. Hat ein Mann ein Auto und er kann sonst kein Wort Englisch, wird er „oh, nice car“ trotzdem immer verstehen und jede schwierige Situation gestaltet sich sogleich ein wenig einfacher.

Ich bin auf dem Weg nach TiangXiang, der Fahrer versteht kein Englisch und auch meine Aussprache des taiwanischen Orts kaum, ich seine auch nicht, da es aber gar nicht so viele Möglichkeiten gibt, wo ich hinwollen könnte, einigen wir uns schnell auf einen Ort eher schwammigen Namens. In Taiwan wird ja mitnichten nur chinesisches Mandarin gesprochen, es gibt außerdem Taiwanisch und das in vielen Dialekten, in denen nicht viel an Chinesisch erinnert. Darüber hinaus ist die Gegend, in der ich gerade bin, geprägt von den nur noch wenigen Ureinwohnern der Insel, die wiederum eigene Sprachen haben. Rund um Taroko gibt es auch Reservatsland, das für Touristen gesperrt ist. Die Geschichte dieser Menschen ist ähnlich traurig wie in anderen kolonialisierten Ländern auch. Erst wurden sie von wechselnden Eroberern beinahe ausgerottet, dann diskriminiert, an den sozialen Abgrund gedrängt, und nun gibt es staatliche Programme, in denen ihre traditionelle Landwirtschaft etc. gefördert wird. Ich sehe vor allem viele sehr sehr arme Ureinwohner-Familien. Der Tourismus im Taroko-Tal ist ein wichtiger Wirtschaftszweig gerade auch für die Ureinwohner – kein Hotel ohne abendliche Tanz- und Gesangsshow, kein Busparkplatz ohne Souvenirgeschäft, in dem nicht Angehörige der Ureinwohner traditionelle Webartikel (gemischt mit Andenken-Kitsch made in China) zu satten Preisen verkaufen. Auch das ist Teil von Förderprogrammen.

Taroko-Schlucht, durch die die Straße führt

Die Straße nach TianXiang, wo ich hinmöchte, führt durch eine bombastische Schlucht, auf beiden Seiten senkrechte Felswände, in die die Straße hineingesprengt ist, allemal nichts für schwache Nerven. Momentan gibt es einige Baustellen, an denen die Straße nur einspurig zu befahren ist. Bauarbeiter, im Übrigen auch Bauarbeiterinnen, die meisten gleichfalls Ureinwohner/innen, regeln den Verkehr. So müssen wir öfter anhalten. Schon beim ersten Stop hat mein Fahrer enorme Probleme, den Wagen wieder in Gang zu bringen. Ich möchte schon aussteigen, offensichtlich ist das Getriebe oder die Kupplung kaputt, der Gang fasst nicht mehr, wir bleiben trotz Gas einfach stehen bzw. rollen langsam auf den Bus hinter uns zu, der inzwischen schon hektisch hupt. Da steigt mein Fahrer aus, erklärt dem Busfahrer irgendetwas, was ich nicht verstehe, woraufhin der Bus – und drei weitere Busse hinter uns an uns vorbeifahren. Nun ist hinter uns Platz, der Fahrer lässt den Wagen nach hinten rollen, haut den Gang rein, gibt Vollgas – wir fahren! Super, wir haben keinen akuten Schaden, sondern einfach nur ein Auto, das Spezialbehandlung benötigt! Kommt der Wagen nicht ganz zum Stehen, stehen die Chancen gut, dass wir ohne Rückwärtsroller wieder anfahren können, können wir vorwärts bergab anrollen, ist alles sowieso kein Problem.

Ich habe sofort so einen Mitgehangen-Mitgefangen-Reflex – aussteigen geht jetzt nicht mehr, da muss man durch. Wo der Fahrer – das wird mir jetzt erst klar – extra für mich das Risiko des Anhaltens auf sich genommen hat. Also fahren wir, halten wir, ich auf der Rückbank fiebere mit, mache Brummgeräusche, wenn wir anfahren, klatsche, wenn es klappt. Um nicht anhalten zu müssen, überholen wir schon mal auf eher sehr enger Strecke ein paar stehende Wagen und Busse. So kommen wir ganz gut voran und mein Fahrer scheint auch seinen Spaß dabei zu haben.

Am Fuße von TianXiang lässt er mich aussteigen, hier kann er noch gut vorwärts anrollen, der Ort selbst liegt an einer steil nach oben führenden Stück Straße. Mögen Verkehr und Steigungen ihm weiterhin gnädig sein.

Shakadang-Trail, Wanderung im Taroko Nationalpark

Grasp the Sparrow’s Tail – das Hochzeitsbankett Teil 2

Von am 19. April 2012 | Abgelegt unter Aktuell, Taiwan

Der Tisch für die Bereitung der Reisbällchen wird nun schnell zusammen geklappt und durch einen Mahjong-Tisch ersetzt. Die Steine werden gemischt, verteilt, die vier Spieler (3 Männer und 1 Frau) spielen rasant, routiniert und mit echtem Pokerface. Hin und wieder sehe ich einen Geldschein über den Tisch wandern.

mahjong-tisch

Es ist später Vormittag und immer mehr Gäste kommen an. Man kommt mit Auto, fährt meist erst einmal  bis zur Absperrung heran, lässt Frauen und Kinder aussteigen und sucht dann einen Parkplatz. Erstens geht man in Taiwan nicht gerne freiwillig zu Fuß und zweitens wird auf diese Weise das Auto vorgeführt. Denn wer kann, fährt ein großes Auto. Das ist wichtiger als Haus und Wohnung, wichtiger als das Styling – reiche Taiwaner sind nicht unbedingt an Brioni-Anzug und Rolex zu erkennen, in jedem Fall aber an Größe und Marke des Autos.

Pünktlich um 12 wird das Mittagessen serviert. Die Platten mit rohem und gekochtem Fisch, kalter Ente, einem Tofu und einem Rindfleisch-Gericht, verschiedenen Gemüsen und zum Abschluss die beiden Suppen, das wird mir am Abend klar, sind im Prinzip nur ein Imbiss.

Braut und Bräutigam sind noch nicht wieder aufgetaucht.

Nach dem Essen begleite ich eine Cousine von Shumei mit Mann – und Auto – um die Großmutter abzuholen. Shumeis Großmutter, d.h. die Braut ist ihr Urenkel. Sie wohnt etwas außerhalb fast direkt an der Mündung eines der vielen Nebenströme des Lanyang ins Meer. Einstöckige Häuser mit großen unvergitterten Höfen, hier und da ein Bootswrack und verottete Netze, früher lebte das Dorf offensichtlich vom Fischfang, heute wirkt die Straße ein wenig wie das Ende der Welt. Tatsächlich führt sie direkt zum Ende der Insel und verläuft sich im antrazitfarbenen Vulkansand des Strands.

Die Großmutter ist 91 Jahre alt, fast taub, sitzt auf einem Lehnstuhl in der ebenerdigen Küche mit einfachem Betonboden und strahlt vor Freude über den Besuch. Mit uns kommen noch andere Familienmitglieder. Sie wird von allen umarmt, geherzt, geküsst, Enkel und Urenkel halten ihre Hand, sprechen ihr ins Ohr – so viel Berührung und Umarmung habe ich bei den körperlich sehr distanzierten Taiwanern noch nicht erlebt. Die Begrüßung per Handschlag ist unüblich, Umarmen und Küsschen noch viel mehr. Auch die nahesten Verwandten auf der Hochzeit begrüßen sich mit Kopfnicken und zurückhaltendem Winken. Doch die alte Frau, die selbst die Hand kaum mehr heben kann, strahlt eine Wärme aus, die einen geradezu anzieht. Auch ich setze mich bald neben sie, nehme ihre Hand in die meine und begrüße sie auf Deutsch, sie bewegt den Kopf in meine Richtung, lächelt.

Wir fahren zurück zur Hochzeitsgesellschaft. Dort wird die Ankunft von Braut und Bräutigam erwartet, Feuerwerkskörper werden vorbereitet, in einem Zimmer der Wohnung des Brautpaars schminken sich die Frauen gegenseitig, zupfen und schneiden Augenbrauen, bis alle aufspringen und auf den Balkon laufen, weil der weiße Mercedes begleitet vom lauten Knallen der Feuerwerkskörper die kleine Straße einfährt. Der Bräutigam steigt aus, öffnet der Braut, die hinten sitzt, die Tür und reicht ihr ein Tablett mit zwei Äpfeln. Ein Ritual zur Unterstützung der Fruchtbarkeit. Auch rückwirkend erfolgreich – als die Braut aussteigt, sehe ich, dass sie mindestens im sechsten oder siebten Monat schwanger ist.

einfahrt des brautwagens foto

Nun ist es richtg voll im Tunnelzelt, die großen runden Blechtische sind aufgebaut und mit einfachen kleinen Melaminschalen und Holzstäbchen für bestimmt 150 Menschen gedeckt. Die Outdoor-Küche ist durch einen roten Vorhang von diesem Speisesaal abgetrennt. Ich werfe einen Blick dahinter und kann es kaum fassen – was hier an kalten und warmen Platten mit Hummer, Krebsen, Riesengarnelen, Muscheln vorbereitet ist, kann ich mit dem einfachen Gedeck kaum in Einklang bringen. Hinzu kommen Fleischgerichte, Gemüse, Suppen, Fisch.

Schließlich begibt man sich zu Tisch, steht wieder auf und klatscht, als das Brautpaar erscheint und seinen Tisch einnimmt. Die Braut, vorhin noch in einem weißen Brautkleid, trägt jetzt ein ebenso aufwendiges gelbes Kleid. Es gibt ein kleines Feuerwerk mit Raketen und der erste Gang wird serviert.

 

Hummer. Dann überdimensionale Krebse, stäbchengerecht halbiert, dann gefüllte Muscheln. Überbackene Riesengarnelen. Andere Riesengarnelen, serviert mit Früchten. Roher Fisch mit Wasabi und Sojasoße. Kalte Ente mit Erdbeeren. Ich esse alles und alles mit Stäbchen. Das wird anerkennend zur Kenntnis genommen, auch wenn ich die Stäbchen in der linken Hand halte, was sehr ungewöhnlich ist. Es folgt ein Gericht aus Hähnchen und Schweineinnereien, warm, nicht ganz mein Geschmack, aber ich halte durch. Getrunken wird kalter Tee, Saft, hier und da ein Bier. Zwar steht auf jedem Tisch eine Flasche Whiskey, aber auf vielen Tischen bleibt diese ungeöffnet stehen. Das Brautpaar dreht nun eine Runde, stößt mit allen, ob Tee, Saft oder Whiskey an. Es folgt Algengemüse mit für mich nicht näher bestimmbaren Innereien. Gekochter Fisch. Paprikagemüse mit Schweinefleisch. Gemüse mit, tja, wenn ich das so genau sagen könnte – Herkunft wahrscheinlich aus dem Pazifik. Zwei Suppen. Ein Dutzend Gerichte, Schlag auf Schlag serviert, schnell gegessen, es gibt keine Kunstpausen zwischen den Gängen. Das Essen dauert gerade mal eine gute Stunde und kaum ist die Suppe aufgetragen, steht das Brautpaar auf und stellt sich unter das über und über mit Luftballonen und überbordendem Kitsch geschmückte Portal des Tunnelzelts. Gäste verbschieden, die jetzt schnell nach Hause streben. Die Braut ist jetzt in Rot. Das Fotobuch auf dem Hochzeitstisch zeigt sie außerdem noch in Blau und in Rosa. Der Bräutigam trägt seit heute morgen denselben Anzug, hat die Glückwunschrunde mit Whiskey gedreht und sieht inzwischen ein wenig derangiert aus. Alle Gäste lassen sich noch einmal mit dem Paar ablichten, so auch Shumei und ich. Am Ende gibt es noch einmal Feuerwerkskörper, dann räumt der Cateringservice in rasender Geschwindigkeit das Geschirr ab und klappt die Tische zusammen. Ein letzter Tisch bleibt stehen, an dem sich die Freunde des Bräutigams, die heute morgen schon zusammen Baseball geschaut haben, der übrig gebliebenen Whiskeyflaschen annehmen und rauchen, was das Zeug hält. Es ist gerade 9 Uhr vorbei, die engeren Verwandten sind geblieben, kehren Straße und Hof, bauen die Beleuchtung ab. Shumei, ihre Schwägerin und zwei Nichten zählen penibel das Geld, das der Familie in kleinen roten Tüten, die bei Ankunft der Gäste verteilt wurden, geschenkt wurde. Ich sehe viele viele 1000er-Scheine (=25 Euro). Ich wünsche der Familie, dass es wirklich sehr viele sind. Und dem Brautpaar alles Gute.

Zu Teil 1: Hands Billowing like the Clouds

 

 

Hands Billowing like the Clouds – das Hochzeitsbankett Teil 1

Von am 15. April 2012 | Abgelegt unter Aktuell, Taiwan

Zugegeben: Ein ganz klein wenig plümerant im Magen war mir heute morgen. Doch das war es wert.

Shumei, meine reizende Taiji-Lehrerin, nahm mich gestern mit zur Hochzeit ihres Neffen nach Yilan an der nördlichen Ostküste der Insel. Damit ich das taiwanische Essen einmal richtig kennen lerne. Und das tat ich.

Von Taipei ist man in einer guten Stunde Autofahrt in Yilan, die Fahrt führt unter anderem durch einen der sicherlich längsten Straßentunnel der Welt. Wie wir in Taipeh um 6 Uhr morgens losfahren, ist es regnerisch und – was ich im Gegensatz zu Shumei, ihrem Bruder, seiner Frau und dem 10jährigen Sohn ganz wunderbar finde – mit 22 °C wesentlich kälter als angekündigt. Nach jedem Tunnel gibt es ein kleines Gejohle und Geklatsche, weil das Wetter mit jedem durchquerten Berg immer besser wird und wir den Regen am Ende offensichtlich hinter uns gelassen haben.

Wir kommen gegen 7.30 an. Zuerst werde ich durch alle Wohnungen der Familie, Eltern, Bruder, Schwester, und des zukünftigen Ehepaars geführt. Sie liegen in einem Vorort von Yilan alle in derselben Straße. Sehr kleine Häuser, in denen große Familien leben. Taiwanische Häuser haben dort, wo bei deutschen Häusern der Vorgarten ist, einen meist vergitterten Vorhof, der zum Wirtschaften genutzt wird. In Stadtwohnungen wird hierzu der Balkon, der den typischen Wohnungen vorgelagert ist, benutzt. Aus dem Treppenhaus öffnet man eine Türe und landet zuerst auf dem Balkon, von dort kommt man in die Wohnung. Im Hof  steht oft die Waschmaschine, hängt die Wäsche, wird der Recycling-Müll gesammelt, lagern Putzuntensilien und Werkzeuge jeder Art und stehen über Nacht ein oder mehrere Motorroller – das wichtigste Fortbewegungsmittel der Insel. Wer durch taiwanische Straßen geht, wird diese daher selten schön finden, man schaut vor allem auf voll gestellte, mal mehr mal weniger aufgeräumte Höfe, Müllsammlungen oder Waschküchen und nicht auf Rosensträucher, Astern und Stiefmütterchen. Während Mercedes und MacDonalds längst im Wertekanon Taiwans angekommen sind, wartet Schöner Wohnen noch auf Anerkennung. Gewohnt wird in Taiwan funktionsorientiert pragmatisch.

Shumeis ältester Bruder ist Bauarbeiter und was man als solcher braucht, lagert im Vorhof, Baumaterial, kleinere Maschinen, Kabelrollen, Zementsäcke. Für den heutigen Tag ist alles beiseite geräumt worden um Platz für die Gäste und Hochzeitsaktivitäten zu schaffen. Die Straße vor dem Haus ist auf fast 50 Metern gesperrt, dort wurde ein großes Dach gespannt und stehen Stapel von riesigen Klapptischen und Platikhockern. Am Ende dieses Tunnels befindet sich die Hochzeitsküche, in der schon jetzt zwei Angestellten des Catering-Unternehmens für das Hochzeitsbankett Gemüse schneiden, Geflügel und Fische ausnehmen, Tofu und getrocknete Pilze einweichen, Gänse in riesigen Töpfen Gasflammen kochen.

Hochzeitsbankett Taiwan Outdoorküche

Noch ist es früh am Morgen. Shumei und ich machen einen Spaziergang, das Wohnviertel liegt fast direkt an einem Nebenfluß des Lanyang, der wenige Kilometer weiter in den Pazifik mündet. Die Gegend ist – was selten ist in Taiwan – flach und jeder nicht asphaltierte Quadratmeter wird für den Reisanbau genutzt. Wir schauen uns einen nagelneuen Tempel an, dessen Fassade  der Fertigstellung harrt, noch sind nicht ausreichend Spenden eingegangen, um den blanken Beton mit den üblichen kunterbunten Verzierungen zu versehen. Schon von weitem hört man den hier so beliebten Buddha-Pop, wohl vor allen Dingen ein Zeichen dafür, dass der Tempelwärter gerade anwesend ist. Als wir uns das Innere des Tempels anschauen, lädt er uns zum Tee, meine erste kleine Teezeremonie hier. Die Musik schaltet er so lange aus.

Weswegen ich hier sei, möchte er wissen, ein älterer Mann in blassgelber Hose und Sweatshirt, wüsste man nicht, dass es seine Tempelkluft ist, würde man es Jogging-Anzug nennen. Ein weiterer älterer Mann sitzt in gleichem Outfit mit am Tisch, redet nicht und beschränkt sich darauf den Tee zu bereiten und die kleinen Tassen immer wieder mit frisch aufbebrühtem Oolong zu füllen. Riechen, Tasse heben, bedanken, trinken. Nachfüllen.

Ich, die Ausländerin, sei hier um Taiji zu lernen. Ältere Menschen freuen sich darüber immer sehr, Junge wundern sich eher, Taiji ist doch das, was alte Leute morgens im Park machen? Und das drei Monate lang hier lernen? Wenn man in Deutschland einen Chinesen träfe, der drei Monate lang alles über das Rasenmähen in deutschen Kleinstädten lernen möchte, wäre die Reaktion wahrscheinlich verständnisvoller. Älteren Menschen leuchtet hingegen sofort ein, was ich möchte, die Reaktion ist sehr respektvoll, wenn nicht gar bewundernd, stolz über die eigene Kultur. So auch hier, jaja, Taiji und vor allem das taoistische Atmen ist schon sehr wichtig. Sein Bruder hatte einen Herzinfakt und hat mit Atemübungen seinen Bluthochdruck in den Griff bekommen. Und auch er selbst macht Taiji, kann damit seinen Puls beruhigen, das ist sehr gut für die Gesundheit. Noch ein Tässchen Tee. Als wir uns verabschieden, müssen wir den Tempel durch die linke Tür verlassen, betreten haben wir ihn durch dir Rechte – Eintreten durch die Tür des blauen Drachens (Yang), Aufbrechen durch die Tür des weißen Tigers (Yin). Von Osten nach Westen, wer möchte schon dem Lauf der Sonne widersprechen?

Wir kommen genau richtig zur Hochzeitsgesellschaft, die inzwischen auf ungefähr 20 Personen angewachsen ist, zurück, um im Hof von Shumeis Bruder bei der Bereitung von Tangyuan, 汤圆, einer Suppe mit pinkfarbenen Reismehlklößen, zu helfen. Eine Verwandte hat den Teig mitbebracht, der nun zu kleinen Kugeln von ca. 2 cm Durchmesser gerollt werden muss. Die Frauen sind allesamt hier beschäftigt, während die Männer stehen, rauchen, die Abfahrt der Braut und des Bräutigams mit Feuerwerkskörpern beknallen, stehen, rauchen, reden.

Tangyuan rollen

Sehen durfte die Braut heute morgen noch niemand der Gäste, das bringt Unglück, genauso, wie ich die Wohnung der Braut nicht hätte betreten dürfen, wäre ich im Jahr des Tigers geboren. Ich bin Pferd und durfte das neu eingerichtete Schlafzimer und den Wohnraum mit Kunstledersofa und riesigem Fernseher daher bewundern. Dort lief Baseball, taiwanischer Nationalsport, und auf dem Sofa saß der Bräutigam, noch in Jeans und Badelatschen mit seinen Freunden. Im abgeschlossenen zweiten Zimmer wurde die Braut geschminkt und geschmückt.

Hunderte von rohen rosa Klößchen  werden nun in Wasser gekocht, wo sie ihre Farbe von Zartrosa auf Magenta ändern und auf das dreifache Volumen anschwellen. Serviert werden sie in einer Suppe aus Wasser, Rohrzucker und getrockneten Früchten. Rot ist die chinesische Glücksfarbe und je mehr von der Suppe essen, desto mehr Glück bringt es dem Brautpaar. Für alle Gratulanten des Tages stehen verschließbare Pappbecher, in denen man ihnen die Suppe mit auf den Weg gibt, bereit.

Natürlich teste ich sie auch, sie ist klebrig süß und die Magenta-Klöße haben die Konsistenz von warmen Gummibärchen im Regen – hierzulande ein sehr beliebter Aggregatszustand von Speisen. In Taiwan liebt man alles, was sich mit der Zunge zerdrücken lässt, ob süß, salzig, geschmacksneutral, mit Algenaroma oder scharf gewürzt.

Tangyuan gekocht

Zu Teil 2: Grasp the Sparrows Tail

Rosarote Google-Brille

Von am 11. April 2012 | Abgelegt unter Aktuell

Seit Tagen laufen in meinen Google-Alerts zum Thema “Augmented Reality” massenhaft Meldungen zur Google-Brille auf. Ist das Produkt bald marktreif? Ist das alles nur ein super Marketing-Gag um Google neben Apple, das gerade seinen Ruf als teuerstes Unternehmen bestätigt und die 600 Milliarden-Börsenbewertungrenze überschritten hat, und Facebook, das sich den Online-Fotodienst Instagram kurz vorm eigenen Börsengang nochmals wertsteigernd einverleibt hat, endlich mal wieder richtig ins Gespräch zu bringen? Muss Google Visionen unter Beweis stellen?

Ist Google Glass eine echte Innovation?

Dabei ist das Produkt gar nicht so aufregend. Das heißt nicht viel, das iPad3 ist auch nicht wirklich aufregend, nicht innovativ, sondern einfach nur brilliant, aber auf den großen Wurf der After-Jobs Ära darf man weiter warten. Google Glass kann, wenn das Video wirklich ernst gemeint ist, ungefähr das, was mein Smartphone mit ein paar Apps auch kann. Ich werde angerufen, ich kann mir zu manchen Orten zusätzliche Informationen einblenden lassen, über QR Code komme ich zur Ticketbuchung und ich kann Musik hören. Videos gucken. Spielen. Bücher und Zeitungen lesen. Nachrichten schreiben. Bezahlen.

Google-Brille von Apple?

Nur: Mein Smartphone muss ich mir dafür meist vor die Nase halten, die Google-Brille sitzt auf der Nase. Altersbedingt könnte ich jetzt noch blöd fragen, ob es das Ganze auch als Gleitsichtmodell gibt? Das macht das Project Glass aber nicht sensationeller. Die jetzt vorgestellte Google-Brille ist eine der technischen Innovationen, die seit Jahren schon absehbar sind. So absehbar, dass ihre reale Entwicklung fast schon profan ist. Also wird die Sensation wieder einmal im Design liegen – und der Frage, wie Realität und eingeblendete Daten userfreundlich überblendet werden können. Eigentlich genau das Feld, wo früher Apple immer zuschlug – wenn es darum ging existierende Produkte durch die Harmonie von Design und neuen Ansätze in der Nutzerinnenführung auf ein neues Level heben. Ob Tim Cook die Chance nutzt?

Neues Gesicht für die neue Brille?

Oder wird die Brille vielleicht der Türöffner für einen neuen Player unter den Giganten? Ein neues Gesicht zwischen Apple, Google, Facebook. Es wäre an der Zeit, oder? Dann wäre die Brille nicht nur rosarotes Marketing-Getöse, sondern eine echt spannende Innovation.

Portrait die webagentin

Die Autorin mit webagentin-glass

Raise the Bamboo Curtain – Müll hier und dort

Von am 4. April 2012 | Abgelegt unter Aktuell, Taiwan

Müll und der Umgang mit Müll sagen viel über die Menschen, die ihn produzieren. Deutschland wiegt sich gerne in der Illusion des sauberen Mülls. Und da sauber und Müll sich gegenseitig aufhebt, ist der Müll damit gesellschaftlich weggetrickst. Nur ab und zu taucht er in Skandalen und darüber hinaus vor allem in ärmeren Ländern, gerne mindestens einen Ozean von uns entfernt, wieder auf. In Deutschland werden Joghurt-Becher gewaschen, bevor sie in den Grünen Punkt wandern, Müllbeutel geruchssicher verschnürt, Mülltonnen mit Schlössern versehen und in abgesperrte Räume gestellt. Alles blitzsauber. Das bisschen Restmüll wird zu Fernwärme verbrannt, alles andere kommt als Klopapier oder CO2-neutrale Outdoor-Klamotte zurück in den Verwertungskreislauf. Man sieht – kaum eine Branche hat so unauffällig erfolgreich PR gemacht wie die deutsche Müllwirtschaft.

Hier in Taipei wurden Mülltonnen vor Jahrzehnten schon abgeschafft, weil das Klima Müll, der länger als ein paar Stunden irgendwo gelagert wird, einfach nicht verträgt. Statt dessen fahren Mülllaster durch die Stadt, die getrennten Müll – Plastik, Küchenreste, Papier und Restmüll, letzteren aber nur in offiziellen Taiwan-Mülltüten – entgegen nehmen. Außer Mittoch und Sonntag fahren die Müllwagen in zwei Schichten, am späten Nachmittag und am späteren Abend durch die ganze Stadt. Das System funktioniert so weit hervorragend. Wo der Müll am Ende landet, in welchen Ländern und Skandalen er wieder auftaucht, kann ich – so gut bin ich hier noch nicht informiert – noch nicht sagen. Der Müll ist jedenfalls ein Thema hier, bei 23 Millionen Einwohnern auf einer Fläche, die kleiner ist als die der Schweiz, kann es auch nicht anders sein.  So wurde in Taiwan beispielsweise  ein Baustoff entwickelt, Pollibricks, dessen Materialgrundlage Petflaschen sind. In Deutschland wartet das Material wohl noch auf Zulassung. Wahrscheinlich hätten wir es lieber selber erfunden – schon allein, weil man in einem Gebäude mehr Petflaschen unterbringt als in einer Regenjacke.

Berühmt sind die taiwanischen Mülllaster aber weniger für die logistische Höchstleistung, die sie täglich in dieser 6 Mill. Metropole erbringen, sondern weil die Müllautos ihr Kommen unverkennbar mit einer Melodie ankündigen: ausgerechnet Beethovens “Für Elise” hört man täglich digital gedudelt in allen Straßen. Als ob das nicht allemal schon ein Ohrwurm wäre. Aber eben unverkennbar – angeblich werden zu Weihnachten aber auch mal Weihnachtslieder um zum chinesischen Neujahr traditionelle chinesische Neujahrslieder gespielt …

Bei YouTube finden sich jede Menge Filme zu diesem Alltagsevent, das auch ein soziales Event ist. Beim Müll trifft man seine Nachbar/innen, grüßt, spricht, tauscht Neuigkeiten aus, tolle Smalltalkgelegenheit in einer anonymen Millionenstadt.

Dieser Allgegenwärtigkeit der Müllentsorgung steht im Übrigen ein eklatanter Mangel an öffentlichen Mülleimern entgegen. Inzwischen trage ich meinen Straßenmüll immer nachhause – und von dort zum Mülllaster. Erstaunlich, was ein Tag in den Straßen einer Stadt von Einkaufszetteln über Bananenschalen, Getränkebecher, Taschentücher etc. etc. an Müll so mit sich bringt. Gleichzeitig ist diese Stadt, so eng und voll sie ist, unglaublich sauber – für eine Konsumkultur, in der jeder Apfel und jedes Stück Kuchen in zwei Tüten und gerne noch in eine Kiste gepackt und an jeder Straßenecke diverse togo-Getränke und Mahlzeiten verkauft werden, ein erstaunliches Phänomen. Sogar Zigarettenkippen sieht man selten auf den Gehwegen. Keine Ahnung, unter welchen Teppich der Müll hier gekehrt wird.

 

14. Wield the Pipa – die Taiji-Schule / der Daoguan 延 年 道 館

Von am 21. März 2012 | Abgelegt unter Aktuell, Taiwan

Ich bin in Taiwan um Taiji zu lernen. Um so gut Taiji zu lernen und zu verstehen, dass ich es selbst auch unterrichten kann, auch webagentinnen möchten manchmal mehr als ein Standbein. Dafür besuche ich hier in Taipei ein Taiji-Schule, den Yen-nien Daoguan. Der Stil, den ich dort lerne, nennt sich Yangjia Michuan Taijiquan, 楊家秘傳拳架班, aber das ist eine andere Geschichte.

Eingang des Daoguan

Eingang des Daoguan in Taipei

25 Stunden in der Woche lerne ich vier Monate lang Taiji: den ersten, zweiten und dritten Teil der Form, Tuishou, also Pushhands, Fächerform, Schwerttechniken und dazu jede Menge Grundübungen vom einfachen nach vorne und zur Seite beugen bis zum Niederhocken mit geschlossenen Füßen und diversen Varianten im Halbspagat, Stehübungen, Grundtechniken und immer wieder Atmen, Atmen, Atmen. Das alles ist verteilt auf diverse Kurse und Einzelunterricht. Die Leiterin und wichtigste Lehrerin der Schule, des Daoguan, ist Shumei Zhuang. Shumei ist klein, verfügt im Daoguan über eine untastbare Autorität und besteht dort, wo bei anderen Menschen Knochen und Gelenke sind, aus Gummi. Sie hat eine Reibeisenstimme, was ihr für meine Ohren etwas  leicht Verwegenes verleiht und in schönem kleinen Kontrast zu der so ruhigen Atmosphäre im Daoguan steht.

Wobei Ruhe mehr atmosphärisch als wörtlich zu verstehen ist. Der Daoguan befindet sich in einer außerordentlich belebten und befahrenen Straße und liegt dort im ersten Stock eines Hauses, in dessen Erdgeschoss mindestens eine Garküche beheimatet ist. Die Fenster des Daoguan sind immer geöffnet. Der Geräuschpegel im Raum entspricht meist etwa dem des Alexanderplatzes zur Rush Hour. Ab morgens um halb neun ziehen zudem Schwaden von Essensgerüchen, Frittiertes, Gekochtes und der ewige Nudelsuppengeruch durch den Unterrichtsraum – um im Berlin-Bild zu bleiben entspräche das olfaktorisch einem Asia-Imbiss um die Mittagszeit.

Zuerst dachte ich, das kann nicht ernsthaft jeden Tag so sein, das treibt einen doch in den Wahnsinn.

Falsch. Es ist jeden Tag so und niemand wird wahnsinnig.

Es ist ganz einfach so und es lässt sich nicht ändern – damit ist es fast so, wie wenn es nicht wäre, weil, was sich nicht verändern lässt, der Aufmerksamkeit nicht wert ist. Einfach, oder? Dann ist es doch besser sich dem zu widmen, was sich verändern lässt – die Form immer besser laufen, immer tiefer niederhocken, den Atem immer ruhiger fließen lassen, die Bewegungen immer harmonischer zu timen und ja, das Qi schön fließen und sprudeln zu lassen. In Zweifelsfall lässt es sich so noch besser üben die Konzentration zu sammeln und zu bündeln.

Ich füge mich. Noch nicht taoistisch, aber schon ein wenig stoisch. Doch ich riech sie noch, die Nudelsuppe…

Cross the Hands – Kirschblüte im Regen

Von am 15. März 2012 | Abgelegt unter Aktuell, Taiwan

Was ich über die Farbe Grau geschrieben habe, lässt sich eins zu eins auf den Regen übertragen: Es gibt ihn in unendlich vielen Variationen von in der Luft stehendem dicken Nebel über Niesel, Bindfadenregen, Dauerregen bis hin zu heftigen Regengüssen. Und er kann unter Einsatz all dieser und weiterer Spielarten auch mal 7 Tage ununterbrochen andauern. Die erste Touristenanschaffung ist folglich ein Regenschirm, bevorzugt das Modell des innen mit Alu beschichteten Schirms. Der lässt sich, sobald es aufreißt und die Stadt sich schlagartig anfühlt wie ein römisches Dampfbad, gleich als Sonnenschirm verwenden.

Nun bin ich so deutsch, dass ich mit dem Grundsatz aufwuchs, es gäbe kein schlechtes Wetter, sondern nur unpassende Kleidung. Na ja. Manch unhinterfragte Kindheitsweisheit muss man eben im Laufe des Lebens aufgeben – Reisen beispielsweise bildet und belehrt bisweilen eines Besseren. So starte ich trotz Regen einen Ausflug in das nahe gelegene Naturschutzgebiet Yang Ming Shan. Schwefelquellen, tolle Landschaftsansichten und ein sensationeller Blick auf Taipei sind versprochen – und Kirschblüte ist ja schließlich auch gerade. Kirschblüten sehe ich tatsächlich. Was ich noch sehe, gibt viel Material für meine Beschäftigung mit der Farbe Grau:

Single Whip – Tao im Nebel

Von am 7. März 2012 | Abgelegt unter Aktuell, Taiwan

Nebel auf einem Tempelberg

Taipeier Grüngrau

Berlin kann sehr grau sein. Wenn Eskimo-Sprachen besonders viele Begriffe haben um Schnee differenziert zu beschreiben, so wundert es, dass weder das Deutsche noch das Berliner Lokalidiom eine große Auswahl an Begriffen für die Farbe Grau bieten. Tiefdunkles November-Grau, ewig-fahles Januar-Grau, weißgraues Juli-Licht, Berlin hat viele Spielarten zu bieten.

Heute habe ich gelernt, dass Taipei noch viel grauer sein kann als Berlin und Berlin wahrscheinlich den Rang abläuft. Dichtgrau. Tonnengrau, nassgrau und – das war die Erkenntnis des Tages – üppiggrau.

Taipei ist keine schöne Stadt. Taipei ist ein Koloss, die meisten Stadtteile sind in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entstanden und betrachtet man die Stadt vom Auto oder der U-Bahn aus, sieht man vor allem unendliche Weiten hässlicher einst weißer, jetzt graugrauer Klinkerbauten. Mein wunderbar weiser  Berliner taiwanischer Freund hat mich vorgewarnt, aber ich habe es mir nicht recht vorstellen können:

Die 60er Plattenbauten in Taipei sind noch hässlicher als die in Marzahn, aber die Menschen leben ganz anders – wegen des guten Essens, wegen der schönen Berge und wegen ihrer uralten Kultur (Tempel, Taiji und Qi-Gong).

Es ist an Tagen wie heute also grau, aber nicht bleischwer – zum Beispiel wegen des guten Essens. Dieses ist allgegenwärtig, gibt es von einfach bis raffiniert und hervorragend, von günstig bis richtig teuer. Man könnte es oft Fast Food nennen, weil es so schnell zubereitet wird, aber vor allem wird es immer frisch gekocht, es gibt viel Gemüse (neben den ewigen Nudeln und den erstaunlichsten Spielarten von Fleisch und Fisch) und meist wird recht salzarm zubereitet und vor allem nur kurz gekocht. Alles schmeckt so etwas leichter und führt zu einem angenehmen undeutschen und völlefreien Gefühl von satt.

Es ist grau, aber auch wegen der nahen Berge ganz anders grau als in Berlin, Bochum oder Bielefeld. Grüngrau ist in Berlin eine recht unbekannte Farbe, die hier aber allgegenwärtig ist. Wenn in Taipei der Himmel verschwindet und eins wird mit dem Grau der Häuser, schmatzt das Grün der Berge, der Parks und der Tempelhügel in der Stadt erst so richtig ins Auge.

Die Stadt ist grau, die Stimmung nicht unbedingt, was auch an der Kultur liegt, z.B. der Bewegungskultur. Ich war noch nie in einer Stadt, in der so wenig gesessen wird – auch zum Essen nur kurz. Nicht, dass alle joggen oder skaten oder Rad fahren. Aber sogar wer betet, bewegt sich dabei oft und geht rund um den Altar oder den Schrein, die Hände wie im Taiji in permanenter Bewegung. Die Parks sind voller Menschen, die sich dehnen, eine Bewegungskunst welchen Stils auch immer praktizieren (Standardtanz, z.B. Foxtrott zu Chino-Pop, ist außerordentlich angesagt!). Und neben den grauen Häuserblocks sind die Tempel allgegenwärtig, bunte Pagodenbauten, viel Rot, viel Gold, viel Gelb und der Geruch nach Räucherstäbchen, deren Rauch die Gebete in den Himmel trägt.

Aber – es war schon verdammt grau heute.

Foto: Viel Grau

Blick aus der Seilbahn auf der Fahrt zum ZhiNan-Tempel

 

 

Get Ready – Begin. Ankunft in Taiwan

Von am 3. März 2012 | Abgelegt unter Aktuell, Taiwan

Die Ankunft am Fllughafen Taipeh. Endlich sitze ich im Auto der vorbestellten Taxifahrerin Frau Wang, die viel telefoniert und dabei einzelne Silben, ho ho ho ho ho, je je je je je, hau hau hau hau immer wieder wiederholt und herzhaft gackernd lacht. Die Fahrt dauert ewig, das erste, was ich wahrnehme, sind nagelneue Mercedes-Modelle. Wir fahren Nissan, ein riesiges Modell, dass es in Deutschland wohl gar nicht gibt, ich sitze zum Einschlafen komfortabel auf der Rückbank. Nein, ich werde nicht einschlafen, schon allein aus Höflichkeit nicht.

Zum Zeitvertreib spiele ich mit mir “Zeichen erraten”. Immerhin habe ich den ganzen Flug auf das Zeichen für Ausgang geschaut 出口 und weiß jetzt, dass 出 draußen ist – im Zeichen für die Außentemperatur in den Flugdaten tauchte es wieder auf – und 口 die Tür oder die Öffnung. Einfach, oder? Und 大 ist groß, das hat man auch schnell geraten, ebenso dass 林 etwas mit Bäumen zu tun hat. So erschließen sich beim genauen Hinsehen immer mehr Zeichen und Zeichenradikale. Doch ich sehe auch anderes, galopierende Herzen, schwitzende Schlangen, aufgestellte Heizkörper, Fernseher am Stiel, gehörnte Böcke, Zeichen, die für mich nur Bilder, die an irgendetwas erinnern, sind. Und auch, wenn sich ein Zeichen mir erschließt, bleibt diese Sprache stumm und wortlos.

Als ich irgendwann die Augen von den Autoaufschriften, Werbeplakaten, Leuchtreklamen und Straßenschildern lasse und auf die Stadt schaue, sehe ich überall Zeichen. Im Muster der Strommasten, auf den Fassaden der Häuser, in den Gittern der Balkone, der Anordnung der Straßenschilder, den aufragenden Straßenlaternen, dem Straßengewirr und in der Skyline, alles ist Schrift. Und ich bilde mir ein, totmüde, überfordert und noch gar nicht richtig angekommen, dass ich jetzt gerade das erste Mal ein kleines Stück China verstanden habe.

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